Lebensmittel
Was für Elastomerdichtungen im Kontakt mit Lebensmitteln gilt – und worauf Hersteller und Verarbeiter achten sollten
Vieles muss jetzt neu bewertet werden
Die Regeln für Elastomere im Lebensmittelkontakt werden derzeit grundlegend überarbeitet. Prüfberichte und Konformitätserklärungen, die jahrelang ausgereicht haben, genügen in vielen Fällen nicht mehr. Die wichtigsten Termine:
| Termin | Was sich ändert |
|---|---|
| seit 01.09.2025 | Bisphenol AF ist als fortpflanzungsgefährdend eingestuft – bisphenolisch vernetzter Fluorkautschuk fällt unter das Bisphenolverbot. |
| 2026 | Die BfR-Empfehlung XXI wurde überarbeitet; Kategorien und zulässige Stoffe sind neu zu prüfen. |
| bis 30.09.2027 | Kritisch: Frist für Stoffe, für die nach der überarbeiteten BfR-Empfehlung XXI noch Bewertungsunterlagen eingereicht werden müssen – darunter viele Vernetzer und Beschleuniger. Werden keine Unterlagen eingereicht, sind bewährte Mischungen für den Lebensmittelkontakt nicht mehr einsetzbar. |
| bis ca. Oktober 2027 | Antragsfrist für die Übergangsregel zu Bisphenol AF. |
| 20.01.2028 | Gewerbliche Ausrüstung, die Bisphenol A enthält, darf nicht mehr erstmals in Verkehr gebracht werden. |
| 31.05.2029 | Frist für Vernetzer thermoplastischer Elastomere nach BfR-Empfehlung XXI. |
Wer Dichtungen für den Lebensmittelkontakt herstellt oder verarbeitet, sollte jetzt prüfen, welche Vernetzer und Beschleuniger in seinen Mischungen stecken, und Werkstoffe, Prüfberichte und Konformitätserklärungen überprüfen – bevor Kunden oder Überwachungsbehörden danach fragen. Genau dabei unterstütze ich Sie: von der Bestandsaufnahme über die passende Prüfung bis zur Umstellung auf zulässige Werkstoffe.
Die Grundregel
Eine Konformität gilt nie für einen Werkstoff an sich, sondern immer nur für die geprüfte Kombination aus
Eine Dichtung, die für Milch geprüft ist, ist damit nicht automatisch für Speiseöl, Fruchtsaft oder Nüsse geeignet – und umgekehrt. Pauschale Aussagen wie „lebensmitteltauglich“ oder „food grade“ ersetzen keinen Nachweis für die konkrete Anwendung.
Welche Regeln gelten
Anders als für Kunststoffe gibt es für Gummi keine harmonisierte europäische Einzelmaßnahme. Maßgeblich ist ein Zusammenspiel aus europäischem Recht, nationalen Regeln und Empfehlungen:
| Regelwerk | verbindlich? | Worum es geht |
|---|---|---|
| VO (EG) 1935/2004 | ja, EU-Recht | Grundpflicht: keine Gefahr für die Gesundheit, keine Veränderung von Geruch und Geschmack; Kennzeichnung, Rückverfolgbarkeit |
| VO (EG) 2023/2006 | ja, EU-Recht | gute Herstellungspraxis bei Herstellung, Verarbeitung und Vertrieb |
| VO (EU) 2024/3190 | ja, EU-Recht | Verbot von BPA und weiteren gefährlichen Bisphenolen; Pflicht zur Konformitätserklärung |
| LFGB | ja, deutsches Recht | Verbot gesundheitsschädlicher Bedarfsgegenstände |
| BfR-Empfehlungen XXI und XV | nein, aber Maßstab | Stand von Wissenschaft und Technik für Gummi bzw. Silikon; Grundlage der Überwachung in Deutschland |
| FDA 21 CFR 177.2600 | für die USA | zugelassene Stoffe und Extraktionsprüfung |
Es gibt keine „BfR-Zulassung“: Dichtungen können einer Empfehlung entsprechen, zugelassen werden sie nicht. Wo eine EU-Verordnung etwas regelt – wie das Bisphenolverbot –, geht sie der BfR-Einordnung vor.
Die Kategorie ergibt sich aus der Anwendung
Die BfR-Empfehlung XXI unterscheidet vier Kategorien. Entscheidend ist nicht, wie lange die Dichtung im Einsatz ist, sondern wie lange dasselbe Lebensmittel sie berührt. Eine Dichtung in einer Milchleitung ist jahrelang eingebaut – aber jeder Liter Milch fließt in Sekunden an ihr vorbei. Die Dichtung eines Schraubglases berührt denselben Inhalt dagegen über Wochen.
| Kategorie | Kontakt | typische Anwendungen |
|---|---|---|
| 1 | länger als 24 h | Dichtungen für Gläser, Dosen und Flaschen, Stopfen, Behälter |
| 2 | bis 24 h | Lebensmittelschläuche, Deckeldichtungen, Dampfkochtopfdichtungen |
| 3 | bis 10 min | Dichtungen in Molkerei- und Verarbeitungsanlagen, Membranen, Pumpen, Armaturen |
| 4 | kein Übergang zu erwarten | Rohrleitungs- und Ventildichtungen für flüssige Lebensmittel bei kurzem Kontakt |
Die Grenzwerte sind in den Kategorien 1 bis 3 dieselben – aber je länger geprüft wird, desto mehr Stoff tritt über. Zudem sind einige Beschleuniger und Alterungsschutzmittel nur für den Kurzzeitkontakt zulässig. Eine Mischung für Kategorie 3 wird daher nicht durch eine längere Prüfung zu einer Mischung für Kategorie 1. Auch das Lebensmittel selbst zählt: Es bestimmt das Prüfmedium, von wässrig über sauer und alkoholisch bis fetthaltig.
Nicht jeder Kautschuk ist gelistet
Die BfR-Empfehlung XXI nennt nur eine begrenzte Zahl von Kautschuken, darunter NBR, EPDM, NR und SBR; für Silikon gilt die eigene Empfehlung XV. Gängige Werkstoffe wie HNBR oder FKM sind dort nicht aufgeführt. Für sie ist ein eigener Sicherheitsnachweis nötig – ein Punkt, der in vielen Konformitätserklärungen fehlt.
Bisphenole: verboten ist die Verwendung
Die Verordnung (EU) 2024/3190 verbietet Bisphenol A und weitere als gefährlich eingestufte Bisphenole in Materialien mit Lebensmittelkontakt – ausdrücklich auch in Gummi, Silikonen und Klebstoffen. Seit dem 1. September 2025 gilt Bisphenol AF (BPAF) als fortpflanzungsgefährdend und fällt damit ebenfalls unter das Verbot. BPAF wird u. a. als Vernetzer für Fluorkautschuk eingesetzt.
- Es gibt keine Mengenschwelle: Verboten ist bereits die Verwendung, auch wenn der Stoff bei der Vernetzung umgesetzt wird.
- Die Überwachung prüft mit einer Nachweisgrenze von 1 µg/kg.
- Jede Konformitätserklärung muss die verwendeten Bisphenole nennen; „BPA-frei“ allein genügt nicht.
Häufiges Missverständnis: „BPAF steht nur auf der REACH-Kandidatenliste – also ist noch nichts verboten.“ Für den Lebensmittelkontakt ist das die falsche Frage: Maßgeblich ist die Einstufung, und die gilt bereits.
Wie ich Sie unterstütze
Ich berate Hersteller und Verarbeiter von Elastomerdichtungen für den Lebensmittelkontakt:
Werkstoff & Nachweis
- Überprüfung bestehender Prüfberichte und Konformitätserklärungen auf die neuen Anforderungen
- Vermittlung geeigneter Mischungen, die speziell für den Lebensmittelkontakt entwickelt wurden
- Einordnung Ihrer Anwendungen in Kategorien und Prüfmedien
- Prüfaufträge, die zur Anwendung passen
Ursachen & Prozess
- Bewertung auffälliger Befunde, z. B. Amine, Nitrosamine oder Bisphenole
- Umstellung auf zulässige Vernetzungssysteme
- Abschätzung von Heizzeit und Vernetzungsgrad im Bauteil (siehe Herstellung)
- Lieferantenabfragen und Bewertung von Lieferantenunterlagen
- Schulungen für Vertrieb, Einkauf und Qualitätssicherung
Stand: Oktober 2026. Die Übersicht dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Prüfung im Einzelfall.